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Anim Textauszüge 2

Ein schärferes Schwert.

von Jan Michaelis

frei nach einer Parabel des alten Japan

Ein Samuraikämpfer suchte das schärfste Schwert, denn er wollte sich als Kämpfer hervortun.

Er ritt von Dorf zu Dorf am Fluss Do entlang. In dem ersten Dorf am oberen Lauf fragte der Samurai den Schmied:

„Kannst Du das schärfste Schwert schmieden?“

Der Schmied sagte:

„Ich werde mein bestes geben, verehrter hoher Herr, das schärfste Schwert zu schmieden.“

Eine Woche beschäftigte sich der Schmied mit der Waffe. Das Schwert war reine Handarbeit. Mit dem Schmiedehammer bearbeitete der Waffenschmied das Metall und auf Stein glättete er die glänzende Stichwaffe.

Der Samurai tauchte die Waffe ins Wasser des Flusses. Ein Holz trieb heran und wurde in der Mitte quer geteilt.

„Dies ist das schärfste Schwert.“ sagte der Samurai und zog in den Kampf. Den  gewann er. Das Schwert schnitt dem Gegner durch die Rüstung.

Jetzt war der Samurai ein Kämpfer von Rang. Da machte er sich auf den Weg, ein schärferes Schwert zu finden, denn er wollte einen Reitertrupp anführen.

Der Samurai fragte in einem Dorf am Fluss Do:

„Wer beherrscht die Kunst des Waffenschmiedens?“

„Der Klingenschmied.“ sagten die Dorfbewohner und zeigten dem Samurai den Weg zur Schmiede. Dort trat er ein und sah den Schmied am Amboß ein glühendes Eisen mit schweren Schlägen traktieren.

„Ich suche das schärfste Schwert.“ sagte der Samurai zum Schmied. Der machte einen Bückling und ging mit dem Samurai an den Schrank mit den Waffen. Mit geübtem Blick wählte der Schmied ein Metallblatt, das blitzte. Dann prüfte er die Klinge zwischen Zeigefinger und Daumen. Der Schmied sprach: „Dies ist meine schärfste Klinge. Doch ich werde Ihnen, hoher Herr, eine schärfere Klinge herstellen.“

Eine Woche widmete der Schmied sich seinem Werk. Das Schwert war reine Handarbeit. Mit dem Schmiedehammer bearbeitete der Klingenschmied das Metall und auf Stein  polierte er die Hiebwaffe glänzend. Der Samurairitter tauchte die Klinge in den Fluss. Als ein Ast angetrieben kam, wurde er in der Mitte gespalten längs das ganze Holz entlang in zwei Hälften, die weiter den Strom abwärts fortgeschwemmt wurden. Der Samurai sagte: „Dies ist das schärfste Schwert.“

Sein Reitertrupp rieb die Gegner rasch auf und riss in ihre Reihen große Lücken, das Schwert schnitt mühelos durch Stein.  Jetzt war der Samurai ein Reitertruppführer von Rang. Da machte er sich auf, ein schärferes Schwert zu finden, denn er wollte ein Heerführer werden.

Der Samurai ritt den Fluss Do entlang durch die Provinz Ai. Endlich fragte er in einem Dorf: „Wer beherrscht hier die Kunst des Waffenschmiedens?“

In diesem Dorf sagte man: „Der Schmied.“

„Zeigt mir den Weg zur Schmiede!“, sprach da der Reitertruppführer. Müde vom Ritt wollte er trotzdem sofort dem Schmied das schärfste Schwert in Auftrag geben. So mächtig war sein Wunsch, Heerführer zu werden. Er fand den Schmied lesend auf seinem Amboß sitzend.

Der Samurai sprach den Schmied an: „Beherrschst Du die Kunst des Waffenschmiedens?“

Doch der Schmied war so vertieft in sein Buch, dass er nicht hörte. Der Samurai stand lange auf der Schwelle zur Schmiede. Da erhob sich der Schmied, um die Türe zu schließen. Als er den Samurai sah, legte er das Buch aus der Hand und machte artig einen Bückling. Nun beantwortete er die Frage des Besuchers.

„Ich bin der Schmied. Aber ein Ritter ist selten mein Auftraggeber. Eher schon schmiede ich Nägel und treibe Kessel. Und Haken kann ich besonders gut, auch solche zum Schüren von Feuer. Möchte der hohe Herr vielleicht einen Schürhaken?“

Der Samurai sprach: „Schmiede mir das schärfste Schwert!“

Eine Woche gab sich der Schmied ganz der Arbeit an der Klinge hin. Das Schwert war reine Handarbeit. Mit dem Schmiedehammer bearbeitete der Schmied das Metall und schliff die Waffe auf Stein. Und zum Schluss schlug der Schmied ein Wort mit einem Meißel hinein.

Der Reitertruppführer nahm das Schwert und tauchte es in den Fluss, ein Holz wurde angetrieben. Aber das Holz wurde vom Schwert nicht berührt, sondern wirbelte um die Klinge herum und trieb weiter ins Meer, ohne Schaden zu nehmen.

Da zog der Samurai die Klinge aus dem Wasser und sprang damit dem Schmied an die Gurgel.

Der Schmied blieb ruhig und sagte:

„Hoher Herr, seht doch wie scharf das Schwert ist. Es ist so scharf, dass es den Angreifer schont. Das ist die Schärfe des Wortes.“

Das erklärte der Schmied, und der Samurai zog in die Schlacht mit dem Schwert, und in wenigen Stunden besiegte er das feindliche Heer. Jetzt war er ein Heerführer von Rang. Dann schickte er seine Soldaten aus: „Holt mir alle Bücher, Lehrer und Schreiber aus der ganzen Provinz Ai!“

Der Samuraigeneral wollte Lesen und Schreiben lernen. Denn aus Stolz hatte er nicht gewagt, den Schmied zu fragen, welches Wort dieser in die Klinge gemeißelt hatte. Als der Samuraigeneral lesen konnte, erschrak er. Auf der Waffe stand: „Frieden“.

Kurzbiografie

Jan Michaelis

In Heilbronn 1968 geboren. Gelernter Buchhändler. Nach Jahren in Köln fand er seinen Lebensmittelpunkt in Düsseldorf. Literarische Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien, Almanachen und Copyartmagazinen. Zahlreiche Lesungen und Vorträge. Freie Mitarbeit als Journalist. Otto-Rombach-Stipendium der Stadt Heilbronn 1999. Die erste Parabel „Die Fabel vom Fluß“ erschien 1997 im Eigenverlag.

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