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Anim Jan Michaelis "Sankt Petersburg - literarisch "

 

Reisereportage

Sankt Petersburg. Am 9. Mai auf dem Newskij Prospekt 14 wollen sich alle vor dem Schild fotografieren lassen. Auf einer blauen Fläche steht in weißen kyrillischen Buchstaben: „Diese Straßenseite ist gefährlicher als die andere.“ Die Warnung ist aus der Zeit der Blockade von Leningrad im zweiten Weltkrieg durch die Nazis. 900 Tage war die Stadt abgeschnitten. Unser Reisebegleiter in Sankt Petersburg, Leo Litz, führt uns zu dieser Inschrift, die heute wie eine Gedenktafel ist. Davor sind auf mehreren Ebenen Blumen und Blumengebinde abgelegt. Immer wieder werfen sich die Menschen davor in Pose, lassen sich durch Freunde und Familienangehörige fotografieren. Litz gibt uns zu denken: „Hier ist die Geschichte überall lebendig. Auf Schritt und Tritt.“ 

Sankt Petersburg feiert den Tag des Sieges mit Paraden. Eine ist gerade vorbei. Wo vor den Geschossen der Nazis gewarnt werden mußte, herrscht jetzt das Treiben eines Volksfestes. Eine verwirrte Frau hält eine Fahne hoch und nimmt dann einen Schwung der Nelken, rennt damit auf die andere Straßenseite und verteilt sie dort an die Fußgänger. Auf der Straßenseite, wo es nicht so gefährlich war.

Die ganze Stadt ist geschmückt mit Fahnen und Plakaten auf denen steht: „Der große Sieg. 60 Jahre.“ Ich kaufe bei einem Händler eine Mütze, auf der steht: „Tag des Sieges“. Leo Litz ist ein Volksdiplomat, wenn er betont: „Die Deutschen haben soviel gutes für die Stadt getan, sie haben Sankt Petersburg geliebt.“ Hier wird sehr genau unterschieden zwischen Nazis und Deutschen.

Um 16 Uhr 10 ertönt unerwartet Musik aus den Lautsprechern. Es ist eine Anlage, die im Krieg benutzt wurde um die Leningrader zu informieren. Heute ist die Lautstärke intensiv. Die Musik ruft die Menschen für die Parade der Veteranen zusammen. Entsprechend stark ist das Gedränge am Newskij Prospekt. Noch ist hier kurz vor 17 Uhr keine Parade der Veteranen zu sehen. Aber schon eine Parade der Sankt Petersburger. Es scheint als sei die ganze Stadt auf den Beinen. Alles säumt die Prachtstraße. Die eigentliche Parade zieht in einer halben Stunde an unserem Platz vorbei. Sprechchöre setzen ein: „Danke, Danke.“ Kleine Mädchen werden von den Sicherheitskräften durchgelassen. Die Mädchen drücken ihre Blumensträuße in die Hände der Veteranen. Dann huschen sie zurück durch das Spalier der Millionen, die ihren Dank ausdrücken.

Werden die Veteranen nach der Parade zum 60. Jahrestag des Sieges über die Faschisten in die Satellitenstädte abgeschoben? Sankt Petersburg ist in 20 Bezirke eingeteilt. Der Krasnogwardejsker Bezirk gehört mit 336 000 Bewohnern zu den größten der Stadt. Wir sprachen mit Swetlana Kullarowa, der stellvertretenden Bezirksbürgermeisterin.

Frau Kullarowa ist eine gepflegte, stattliche Frau. Sie erzählte mit verhaltenen Gesten. Ihr Büro sieht wie die Bürgermeisterbüros anderenorts aus. Doch auffallend sind die Plakate und Fahnen zum 60. Jahrestag des Sieges. Frau Kullarowa erläuterte: „Diese Plakate wurden nicht extra für Sie aufgehangen, dass ist ein Rest von den Feierlichkeiten.“ Mehr als 30 000 Bewohner des Krasnogwardejsker Bezirks sind Veteranen. Die vergangenen zwei Jahre wurden sie alle mit einer Medaille ausgezeichnet. Frau Kullarowa: „Wir haben einen Rundgang gemacht, um keinen zu übersehen.“ Unter den Veteranen waren 7000 persönlich im Einsatz. Der Rest sind die Kinder und die Zivilisten.

Unvermittelt wird Swetlana Kullarowa privat: „Mein Vater ist ein Veteran, er war Soldat und hat ein Bein verloren. Meine Mutter war eine Krankenschwester. Die Geschichte bleibt lebendig.“ Der Vater träumt sich immer noch beim Angriff. Es ist eine andere Perspektive auf den Krieg. „Wenn jetzt gesagt wird unsere Veteranen leben schlechter. So haben wir andere Maßstäbe.“ Die Bürgermeisterin zählt dann die Programme zu Gunsten der Veteranen auf. Ein Programm bietet ihnen kostenlosen Urlaub. Die Rente für die Veteranen wurde verdoppelt. Und in diesem Jahr kommt ein neues Programm hinzu. Schon zwei Tage nach der Veteranenparade fand eine Sitzung statt: „Da wurde von der Bürgermeisterin von Sankt Petersburg beschlossen,  dass die Politik zu Gunsten der Veteranen weitergeht.“ Für Kullarowa sind die sozialen Systeme gestärkt. Ein Programm organisiert die notwendige Hilfe. Das Geld kommt vom Staat und von Kaufleuten. Gerade einen Tag nach der Parade wurde fünf Leuten geholfen mit 50 000 Rubel für jeden.

In den 50 Schulen des Bezirks gibt es 15 Museen zur Geschichte der Stadt. Die Leute gehen dort hin, um die Veteranen erzählen zu hören. Kullarowa betont: „In meinem Bezirk sind die Veteranen häufig in Schulen und Hochschulen. 2500 Veteranen werden zuhause besucht und bedient. Dass heißt, sie sind überhaupt nicht vergessen.“ Die Veteranen wurden bei der Parade mit Sprechchören: „Danke, Danke“ bedacht. Nach der Parade sind sie gerngesehene Zeitzeugen. Von einem Hotel gucken wir am späten Abend das Feuerwerk zur Feier des Sieges. Die Menge auf der Straße und an den Ufern bejubelt jeden Funkenregen. Die Leute freuen sich ganz anders als bei uns.

Das Leben läuft weiter. Und das Tempo in Sankt Petersburg ist schnell. Es ist wie in einem Ameisenhaufen. Leo Litz erklärt: „Was in Sankt Petersburg schwer ist? Die Entfernungen sind groß. Die Fortbewegung kostet viel Zeit.“ Trotzdem nehmen die Russen sich viel Zeit für Gespräche bei Tee. Sankt Petersburg scheint beherrscht von einem Tempo und einer Hektik. Die Rolltreppen zur Metro gehen schneller und tiefer als bei uns. Leo Litz räumt ein: „Wir leben schneller. Das gehört zu einer Großstadt.“

Sankt Petersburg ist eine herrschaftliche Stadt, die Gebäude sind Paläste und Schlösser. Oder Kathedralen. An den Fassaden halten Atlanten und Kolosse die Zarenpracht, die auf dem Moor gebaut wurde. Straßen, Alleen, Boulevards, Prachtstraßen durchziehen die Stadt nach den Vorgaben ihrer Planer geradeaus. Überall dominieren gerade Blickachsen. Soviel Menschen und der Ausblick weitet sich über die Sichtachsen. Der Blick findet keinen Halt: immer geradeaus. Leo Litz fordert uns auf zu staunen: „Diese Weite, diese Breite!“ Sankt Petersburg ist eine europäische Großstadt. Wenn eine Pferdekutsche vorbeitrappelt, ist es wie Wien. Geradeaus! Wenn man vor dem Hotel Angletterre steht, ist es wie Paris. Geradeaus! An den Brücken und Kanälen, ist es Venedig. Geradeaus! Die Frauen bevorzugen kurze Röcke und hohe Absätze. Den Blick geradeaus! Wo gibt es diese Weite? Diese Weite. Diese Breite. Diese Frauenbeine. Das gibt es nur in Sankt Petersburg. Leo Litz kennt die russischen Frauen: „Diese Spielzeuge sind sehr teuer. Erst kosten sie dich ein Lachen. Dann bezahlst du mit Tränen. Dann lachst du Tränen.“ Dann philosophiert er über die uneinholbare Sehnsucht der russischen Frauen mit der sie einen nach einigen Jahren Ehe konfrontieren um sich dann von ihren Männern zu trennen. Wir gehen in die Operette im Sankt Petersburger Theater für Musikkomödie. Das einzige Theater, dass wegen der Belagerung nicht aufgehört hat zu spielen. Alle haben gespielt, obwohl die halbe Truppe schon verhungert war. Heute geben sie eine unvollendete Operette von Strauß. Der Dirigent Andreij Alexejew begrüßt uns. Wir genießen die hervorragenden Tanzszenen. Da fällt mir auf, dass die Frauen im Straßenbild, die Beine der Tänzerinnen haben. Die ganze Inszenierung ist sehr frisch und erinnert an eine Revue. Die Sänger kommen gut über das Orchester. Die Ausstattung ist unaufdringlich. Die darstellerische Leistung steht im Vordergrund. Das Bühnenbild ist schmerzlos modern. Das Orchester ist makellos. Was hier geboten wird in der Italjanskaja Uliza 13 ist Spitzenleistung. Wir sind die einzigen Ausländer im Publikum. Eine russische Operette ist für Touristen zu sperrig. Auch wir haben Verständnisschwierigkeiten. Die Deutschen hießen wegen ihrer Russischkenntnisse spöttisch „die Stummen“ im Russischen. Egal, mir bleibt sowieso die Sprache weg, ich kann nur Staunen. Und Beifall zollen.

Vom Operettentheater ist es nur fünf Fußminuten bis zum „Haus der Freundschaft“. Der Lionsclub „Riona“ besteht seit zehn Jahren in Sankt Petersburg. Berufstätige Frauen und Hausfrauen engagieren sich hier im sozialen Bereich. Im Palast des Graf Schuwalow, dem heutigen „Haus der Freundschaft“ residiert der Club in der Nähe der Prachtstraße Newskij Prospekt. Das Gebäude hat eine außergewöhnliche Geschichte und war Zentrum internationaler Arbeit. Hier residieren seit 1965 staatlich unterstützte Assoziationen und ehrenamtliche Verbände. Margaret Mudrak ist stellvertretende Distriktgouvernörin der Lions. Sie erklärt das Engagement in Sankt Petersburg: „Unser Club befördert wohltätige Einrichtungen für Straßenkinder und Waisenkinder. Sie erhalten von uns eine vorübergehende Unterkunft. Der Club ist sehr engagiert mit Waisenheimen, wir besuchen die Waisen dort und wir holen die Kinder hier her,  um mit 400 Kindern Weihnachten zu feiern.“ Die Lionessen haben 19 bis 23 Mitglieder. Frau Mudrak nahm Gastgeschenke aus Monheim entgegen. Dies ist eine typische Geste in Rußland. Eine Kaffeetasse und ein Kugelschreiber von Marke Monheim erinnern an den Gast aus Deutschland. Mudrak weiß das zu schätzen: „Wir sammeln in Rußland und international Spenden und kaufen dann hier Socken und Mäntel für die Kinder. Die Notunterkünfte sind zwar keine Dauerlösung. Aber an den Festen sind alle Kinder sehr glücklich. Ein Deutscher spendete Computer für die Kinder.“ Die Möglichkeiten des sozialen Engagements in Rußland sind vielfältig. Ein norwegischer Verein spendet für ein spezielles Waisenhaus. Ein Hamburger Club unterstützt die Veteranen. Mudrak sieht dabei große Vorbilder: „Die Veteranen gehen jetzt nach Berlin und Hamburg. Es ist ein Dialog wie er von Schröder und Putin gestartet wurde, der Petersburger Gespräche genannt wird.“

Kaum sind die Feiern zum Sieg vorbei, da reiht sich schon ein weiteres Großereignis ein. Das fünfte Mal in Folge feiert Sankt Petersburg Karneval wie im Rheinland. Zum Stadtjubiläum am 28. Mai fand der Straßenumzug statt. Auch in Sankt Petersburg wird die Krawatte abgeschnitten. Tamara Dmitritschenko schmunzelt: „Obwohl wir das zweite Jahr eine Bürgermeisterin haben. Sie bekommt ein Tuch umgebunden, das wird abgeschnitten.“ Vor fünf Jahren ist Sankt Petersburg als Hauptstadt des Karneval in den weltweiten Verein des Karnevals aufgenommen worden.

Dmitritschenko ist für die Durchführung des Straßenkarnevals in dem Krasnogwardejsker Bezirk zuständig. Dieser hat sich zur Hochburg entwickelt und lockt 2,5 Millionen Zuschauer in den Stadtteil von Sankt Petersburg. Dmitritschenko versucht auch die sozialistischen Traditionen weiterzutragen: „Wir sind stolz, dass wir in unserem Bezirk kreative Kollektive haben.“ Fußgruppen  und Wagenbauer sind in Sankt Petersburg „Kollektive“. Die Kulturfrau ist sich sicher: „Das Niveau der schöpferischen Kollektive ist hoch, egal ob sie das beruflich oder als Hobby machen.“ Jedes Jahr wird den Kollektiven ein Thema angeboten. Ein Motto war Katharina die Große. Es gibt einen Wettbewerb: Wer macht es am besten? Die ganze Stadt kommt, um das anzusehen, weil die Züge sehr attraktiv sind.

Als Leiterin der Kulturabteilung ist Frau Dmitritschenko für zwölf Büchereien, 20 Clubs für 3800 junge Leute, zwei Musikschulen, zwei Kulturhäuser für die Schule und den Straßenkarneval zuständig. Dmitritschenko skizzierte die Veränderungen im Kulturbereich: „Vor der Perestroika gab es wirklich eine kostenlose Kultur. Nach der Perestroika kam der Markt. Jetzt hat sich das Showbusiness in die Kultur gedrängt.“ Bisher kostenlose Veranstaltungen müssen die Miete einspielen. Der Straßenkarneval kommt ohne Miete gut weg. Sankt Petersburg ist eine europäische Großstadt. Eine rheinische Metropole.

 

 

Teures Spielzeug- Eine Erzählung in Briefen

16. Juni

Hier zu sein ist ein himmelweiter Unterschied. Diese Weite und Breite bin ich von Deutschland gar nicht gewohnt. Ich glaube es wird ein schönes Leben hier in Sankt Petersburg als Junggeselle und Auslandskorrespondent. Ich bin erst im Hotel abgestiegen. Gegenüber des Hotels liegt der Panzerkreuzer Aurora. Den Schlüssel zum Appartement bekomme ich erst morgen. Mein Blick geht über die Häuser und eine Kirche mit vergoldeter Kuppel und eine einzelne Spitze eines Turms, der auch vergoldet ist. Irgendwo dort rechts steht der eherne Reiter.

Der Flug war kurz von Berlin. Aber im Büro ist heute keiner mehr anzutreffen gewesen. Deshalb setzte ich mich in die Bar des Hotels. Dort spielte eine Band. Die Sängerin sang schön auf russisch. Ich wartete auf das Essen, der Platz mir gegenüber war leer. Da kann einen schon eine Traurigkeit überfallen. Die Suppe kam. Der Service war gut, jeder Teller wurde von rechts hingestellt. Die Band spielte ein Zigeunerstück und die Sängerin forderte mich zum Tanz auf. Ein älteres Paar gesellte sich zu uns auf die Tanzfläche. Die Sängerin ging zurück ans Mikro. Ich tanzte noch etwas alleine. Da kam eine junge Russin auf die Tanzfläche. Und heute lernte ich gleich die Russen näher kennen. Später stellten sie und ihr Mann sich mir vor. Tatjana und Georgie. Tatjana ist eine blonde, schlanke Russin. Sie tanzte aufreizend. Georgie schaute ihr zu. Mit ihrem schönen, schlanken Körper schmiegte sie sich in meinen Arm. Georgie rief den Musikern zu: „Noch ein Lied.“ Er ist der Hotelmanager. Er sagte den Musikern, dass es ihm gefiel, dass getanzt wurde.

Georgie ließ uns miteinander tanzen. Ich würde nie einen anderen Mann so innig mit meiner Frau tanzen lassen. Ich könnte das nicht ertragen. Als die Musiker eine Pause machten lud mich Georgie zu sich an den Tisch und wir tranken Wodka „Standard“ aus Karaffen. Georgie sprach nach einigen Gläsern über die russischen Frauen: „Es sind teure Spielzeuge. Erst machen sie dich lachen, dann weinen, dann lachst du Tränen.“ Tatjana ist kein Spielzeug.

19.Juni

Die Ameisenbewegung geht so den ganzen Tag. Wir leben schneller, das gehört zu einer Großstadt. Die Rolltreppen zur Metro sind schnell und tief. Ich war mit Georgie und Tatjana verabredet. Mein Appartement liegt außerhalb, ich muß die Metro nutzen. Wenn hier etwas schwierig ist, dann sind es die großen Entfernungen. Man braucht viel Zeit um ans Ziel zu kommen. Die beiden schlenderten mit mir zu einem Markt. Noch einige Straßen weit weg davon entdeckte ich einen leeren Sockel. Hier stand wohl einmal Lenin, jetzt war auf den Sockel „Der unsichtbare Mann“ gesprüht. Ich kletterte hinauf und zog Georgie zu mir hoch. Wir stellten ein Denkmal der Freundschaft. Mit Händedruck und gutmütiger Umarmung. Tatjana fotografierte uns mit ihrem handy. Georgie kann genau ein deutsches Wort: „Freundschaft“. Er fragt mich: „Warum sollten sich Brüder bekämpfen?“

Auf dem Markt ist die Mafia. Georgie klärte mich auf: „Man kauft sich bei ihr ein „Dach“ und schon ist der Himmel über einem nicht mehr so weit. Wenn man etwas braucht, weiß man an wen man sich zu wenden hat.“ Die Bürgermeisterin will alle Märkte schließen. Waren sollen in Kaufhäusern angeboten werden. Die Märkte seien ein Schandfleck. Das Wetter ist schön. Tatjana verbesserte mich, auf russisch hieße es, das Wetter ist gut.

Georgie begeistert sich für meine Arbeit als Auslandskorrespondent. „Du wirst sehen,Sankt Petersburg ist eine unerschöpfliche Quelle.

18.August

Ich hatte mir auf dem Markt einen kostbaren Dolch gekauft. Der liegt seit damals neben meinem Bett. Ehe ich das Licht ausknipse, spiele ich mit dem Gedanken, mir die scharfe Spitze ein paar Zentimeter in die Brust zu stechen. Ich leide so, nie habe ich so gelitten. Tatjana ist so schön. Sie arbeitet als Krankenschwester. Wir sehen uns gelegentlich. Ich versuche es so oft wie möglich einzurichten. Meistens genügt ein kleiner Vorwand. Als Journalist bin ich auf Informanten angewiesen. Tatjana sagte zu mir: „Du hast keinen Bären bis jetzt gesehen.“ Dann griff sie meine Hand und schlenderte mit mir in einen Park. Dort tollte ein Bärenjunges an einer Leine. Tatjana blieb entzückt stehen. Ich sagte, es sei eine Tierquälerei. Aber Tatjana beschwichtigte mich, es sei gar nicht so schlimm. Sankt Petersburg erinnerte mich an Wien als eine Pferdekutsche vorbei trappelte. Vor dem Hotel Anglettere fühlte ich mich wie in Paris. Aber nirgends fand ich diese Weite. Der Himmel ist weit. Die Hölle ist nah. Es ist eine unmögliche Liebe. Wenn sie doch nur sich für mich entscheiden könnte. Aber es scheint ihr Spaß zu machen sich einen Geliebten in mir zu halten. Georgie hat es längst bemerkt. Tatjana hatte angedeutet: „Ich habe so eine Sehnsucht.“ Neulich sagte er im Suff: „Sei gut zu ihr, sie ist meine Frau.“ Wie ich aus der Metrostation auf den Vorplatz trete, gucke ich nach oben. Der Himmel weitete sich über mir. Ich kam mir unvermittelt so bedeutungslos vor.

10.September

Tatjana und Georgie besuchen mit mir den Literatenfriedhof. Georgie läßt uns nicht aus den Augen. Er redet von der Belagerung von Leningrad. Dann zeigt er mir das Grab von Olga Bergholz, die viele Gedichte während dieser Not geschrieben hat und die Muse der belagerten Stadt genannt wird. Hier liegen wirklich die Titanen der russischen Literatur. Die Namen kenne ich aus dem Studium. Und ihre Werke sind mir vertraut. Wir sprechen über den Tod. Georgie meint, dass käme später. Aber Tatjana nimmt meine Hand und fragt mich, ob wir uns wohl wiedersehen werden. Ich bejahe. Wir werden uns wiedersehen. Sie ahnt etwas. Georgie kann unseren Gedanken über den Tod und das Jenseits nicht folgen. Er verliert die Geduld mit uns und schimpft: „Ihr redet wie Wasser in einem Fleischwolf.“

7.Oktober

Endlich war ich mit Tatjana allein. Wir bummelten wie Verliebte durch daszoologische Museum. Andere Paare waren mit uns dort. Und ein Großvater mit seinem Enkel. Familien mit Kindern. Freundinnen. Schulklassen unter dem strengen Regime einer Frau mit Zeigestock. Das Skelett eines Wals füllte den ersten Raum. Dann in den hinteren Räumen blieb Tatjana vor einem Waran stehen. Der hatte einen langen, geschwungenen Schwanz und ein geschlossenes Maul. Die Zunge sah man nicht. Teilweise waren die Tier in ihren Lebensräumen präsentiert. Wildschweine im Winter und im Frühling. Geier am Aas. Rochen wie fliegende Vögel in einer Unterwasserlandschaft. Der andere Teil der Sammlung war auf Klassifizierung aus. Alle Tiere waren auf Sockeln in Vitrinen aufgereiht. Tatjana fragte mich: „Diese vielen Tierbabys, sind sie alle getötet worden für diese Sammlung?“ Ich mochte ihr nicht antworten. Wir gingen noch spazieren und kamen zum ehernen Reiter. Tatjana, zeigte mir am Sockel des Standbildes wie das Pferd die Schlange zertritt. Sie erzählte mir: „Das ist symbolisch, Peter der Große zertritt Schweden.“ Von hier aus weitet sich der Himmel über der baltischen See. Wo gibt es diese Weite. Und doch fühlte ich mich in die Enge getrieben.

24.Dezember

Liebe Frau Plötz, diese Notizen fand ich im Appartement ihres Sohnes Karl. Erist leider gestorben und sein letzter Wille, war es, auf dem Friedhof neben dem Literatenfriedhof beerdigt zu werden. Karl hatte einen Abschiedsbrief hinterlassen, der als sein Testament gelten muß. Sein Selbstmordversuch ist gescheitert. Aber er wurde in das Krankenhaus eingeliefert, in dem ich als Krankenschwester arbeite. Dort stellten die Ärzte bei Karl Krebs fest. Er war nicht mehr zu retten. Es dauerte nur drei Wochen bis er tot war. Es tut mir sehr leid Ihnen erst jetzt dies mitteilen zu können. Wir, mein Mann Georgie und ich haben Karl sehr geliebt. Aber wieviel mehr muß er ihnen bedeuten. Bitte seien Sie nachsichtig mit mir, seiner Geliebten hier in Sankt Petersburg. Ich wollte doch meinen Mann nicht verlassen. Mein Georgie hatte alles akzeptiert. Er ist nicht so stark. Er ist ein guter Hotelmanager aber ein weicher Ehemann. Karl war da ganz anders. Karl wollte mich nicht mit Georgie teilen. Dann wollte er lieber nicht mehr leben. Wie seltsam doch das Schicksal spielt. Ausgerechnet Karl ist an Krebs gestorben. Damit hatte er selber überhaupt nicht gerechnet. Deshalb waren auch keine Vorbereitungen getroffen worden. Erst jetzt konnten wir die Wohnung räumen und fanden diese Schriften. Ich denke sie halten ihn damit in Ehren. Ich glaube er hat damit Literatur geschaffen. Ich kann ein wenig Deutsch, weil ich in der DDR noch in einem Krankenhaus gearbeitet hatte. Entschuldigen Sie meine schlechte Ausdrucksweise.

Mein herzliches Beileid

Tatjana Andreewa Alexejewa

P.S. Für Karl ist der Himmel weit offen.

 

Gedicht: Hier bin ich Analphabet
 

Ich kann die kyrillische Schrift nicht.

Hier bin ich Analphabet.

Hier herrscht Moskauer Zeit.

Ich kaufte eine Lackdose.

Die Souvenirs sind russisch.

Die Spielhöllen sind international.

Hier wird italienisch gekocht.

Und ein russisches Nationalgericht.

Zur Pizza noch Borscht als Menü.

Der Regen ist naß wie in Deutschland.

Das Wetter ist nicht „schön”,  sondern „gut”,

sagt man auf russisch.

 

Gedicht: Wilde Touristen

Guck die sind leichte Beute

Wilde Touristen allein

im Großen Kaufhof

Mit vollen Einkaufstaschen

Das riecht nach Geld

Und ihre Kamera trägt sie offen

Die schnapp ich mir

Ich öffne einen Reißverschluß

Ich auch ich kratzte sie am Arm

Ihre Uhr bekomme ich

Ich laß den Kerl höflich

In die Metro rein

Dann drängen vier von uns

die Frau auf den Bahnsteig

Die konnte schreien

Ihr Kerl hat uns das Spiel verdorben

Der hat sich zu ihr durchgekämpft

Mir schmerzt der Kopf

Sie traf mich mit der Kamera

Die hatte ich schon fast gepackt

Uns blieb nur Flucht

Ja dieser Not gehorchten wir,

nicht dem eigenen Trieb

Da hätte ich zu gerne

Gezückt mein Messer

Aber lassen wir es nur bei Raub

Was hast Du? Nichts.

Die anderen? Nichts.

Wir haben keine Beute

Ich hab was

das ist schon gut zu fühlen

eine Beule

 

Gedicht: Die Muse der Belagerung

Auf dem Literatenfriedhof

Liegen Tote, die waren vorher lebendig

Aber unser Leben haben sie nicht gelebt

Sondern der Not gehorchend, nicht dem

Eigenen oder doch dieses brachten sie ein

So war Olga Bergholz die Muse

Der belagerten Stadt

Viele Gedichte hat sie geschrieben

Sie lebte von neunzehnhundertzehn

Bis neunzehnhundertfünfundsiebzig

Auf ihrem Grab liegen

Nelken, Rosen und Blumengebinde

Ihre Bronzefigur mit Buch in der Hand

Steht noch am Fenster wie sie es tat

Nun teilt sie Bedeutung und Berühmtheit

Mit der Familie Lenins

Steht da die Mutter als volle Figur

Die Schwestern als Porträt und als Relief

Der Schwager als Porträt

Dort ein Dressurreiter, eine Ballerina

Zwei Grabzeilen weiter schreiben noch immer

Literaten deren Namen und Werke

Den russischen Schulkindern geläufig sind

Die Not von Revolutionen

Gab die Befehle für Gräber

Denen gehorchten die Toten

Nicht dem eigenen Drang

Sondern Umwandlungen

Fortschreibungen in das

Goldene Buch dieses Grabes

Sieh Du Dich um, das kommt später



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